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Eidos im Sturzflug

Eidos Interactive hatte einst beste Referenzen vorzuweisen. Mit der Tomb Raider-Riehe führte man den Markt an, ebenso wie im mit Dark Project, Hitman und Deus Ex, die alle Maßstäbe setzen. Umso verwunderlicher ist die unschöne Entwicklung des einstigen Vorzeigepublishers.

dazio
Kolumnist: dazio (dazio at playable.de)

Gehen wir ein wenig zurück: Wir schreiben das Jahr 2004. Von Mai bis Anfang August hat der Aktienkurs von Eidos um 60% nachgelassen. Schon kursieren die ersten Übernahmegerüchte – Manager des großen französischen Publishers Ubisoft sollen bereits reichlich Zeit in der Londoner Hauptgeschäftsstelle von Eidos verbracht haben, um Details auszuarbeiten. Ob dem wirklich so war, lässt sich heute schwer einschätzen, Fakt ist aber, dass die Briten arge Probleme hatten.

Was war passiert? Man sei ins Schleudern geraten, nachdem man versucht hat, mit den größeren Rivalen mitzuhalten, berichtete der Telegraph. Ja, dass man ins Schleudern geraten ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Und nicht hinter der Konkurrenz zurückzufallen, sollte immer Ziel sein. Also noch mal: Was war passiert? Hat Eidos zu wenig investiert? Oder zuviel? Oder war die Höhe der Investitionen gar nicht das Problem?

Tatsächlich ist ein Blick auf die Einnahmenseite interessanter. Über einen Zeitraum von 12 Monaten, also seit Mitte 2003, wurden drei Gewinnwarnungen erteilt. Die gewünschten Verkaufszahlen wurden nicht erreicht, auch nicht von Hitman: Contracts, dem größten Hoffnungsträger seinerzeit. Hm, schlecht vermarktet? Schön wär’s: Marketing-Direktor entlassen, neuen einstellen, Problem gelöst.
Gerade bei den Fortsetzungen erfolgreicher Titel ist es leider näher liegend, dass sie einfach nicht gut genug waren oder nicht dem entsprachen, was die Fans erwartet haben.

An dieser Stelle können auch gerne wieder die Investitionen ins Spiel kommen, allerdings mit einer kleinen Änderung: Nicht wie viel wurde ausgegeben, sondern wo wurde ausgegeben? Hat man dringend nötige Innovationen in Angriff genommen? Natürlich nicht. Neben Hitman auch betroffen: Commandos, Thief alias Dark Project, Deus Ex und Tomb Raider – indem man alle großen Franchises abgewürgt hat, ist es gelungen, die gesamte Branche an sich vorbeiziehen zu lassen. Die Eidos-Führung hat astrein versagt, das muss man ihr lassen.

Auch über die traditionellen Zugpferde hinaus lief und läuft es nicht rosig. Project: Snowblind ist momentan (18. Mai 2005) ganz oben auf der Liste angepriesener Spiele auf www.eidos.de. Im krassen Gegensatz dazu befindet sich der Shooter in der Wochenstatistik von Mogel-Power, der größten deutschsprachigen Sammlung von Cheats, auf dem 222. Platz – direkt hinter den durchweg verjährten Spielen „America“, „Star Wars: Jedi Knight“ und „Fusball Manager 2002“.
Da das Spiel nun aber 80er-Wertungen einheimsen konnte und es keine Fangemeinde gab, die man hätte enttäuschen können, ist in diesem Fall tatsächlich das Marketing zu verdächtigen. Das lässt wenigstens in Deutschland zu wünschen übrig. Und so hilft es auch wenig, den Preis für ein erstklassiges Spiel, das dummerweise niemand kennt, rund zwei Monate nach Erscheinen auf 20 Euro (PC) beziehungsweise 30 Euro (PS2, Xbox) zu senken. Ein Akt der Verzweiflung, mehr nicht.

In der ersten Jahreshälfte 2004 floppten Thief: Deadly Shadows und Deus Ex: Invisible War trotz der sicherlich teuer lizensierten „Unreal Engine 2“ und recht guter Bewertungen durch die Presse. Es erwies sich als ungeschickt, auf beliebte Elemente der Vorgänger zu verzichten. Folglich verließ Designerlegende Warren Spector im November das Eidos-Studio Ion Storm, dem auch John Romero’s Daikatana zuzurechnen ist. Daikatana, ein echtes Trauerspiel – Jahre lang entwickelt und heiß erwartet und heute nur noch herangezogen, um sich darüber lustig zu machen.

Im Februar 2005 schließt Eidos dann Ion Storm. Auch wenn der ehemalige Eidos-Präsident und spätere Crave Entertainment-COO Rob Dyer einige Monate zuvor beteuert hatte, dass es weitere Nachfolger geben wird, ist nun ungewiss, was aus Thief und Deus Ex werden soll.

Einen Monat später, im März 2005, wird es wieder Zeit, die nächste Seite im Buch Hiob aufzuschlagen. Eidos bilanziert, im ersten Geschäftshalbjahr 2005 (entspricht Juli bis Dezember 2004) tief ins Minus gerutscht zu sein. Lediglich das hierzulande indizierte und daher wenig präsente ShellShock: Nam ’67 konnte mit 900.000 ausgelieferten Einheiten die Erwartungen erfüllen. Allerdings wurden im besagten Zeitraum ohnehin nur vier Titel auf den Markt gebracht. Man will sich augenscheinlich klein sparen, um endlich einen Käufer und Investor zu finden. Aus dem Techtelmechtel mit den Franzosen ist nämlich nichts geworden.

Wenige Tage später scheint die Rechnung aufzugehen. Die Investorengruppe Elevation Partners will das Aktienpaket für insgesamt 102 Millionen Euro kaufen. Ubisoft (später auch EA und THQ) war Eidos einst fast dreimal soviel wert.
Kurz darauf erhöht der britische Eidos-Konkurrent SCi Games auf 109 Millionen Euro und kann den Wettstreit Anfang April für sich entscheiden.

Und was bringt die Zukunft? Enttäuscht durch schlechte Kontakte und eine stiefmütterliche Behandlung bei der Bemusterung meinte der Betreiber eines größeren Online-Magazins: „Hoffentlich werden die von SCi geschluckt und dann platt gemacht.“

In gewisser Weise trifft diese Prognose auch zu. Zumindest auf oberster Ebene räumt SCi im Zuge der erwarteten Umstrukturierungen auf. Der gesamte Eidos-Vorstand ist zurückgetreten und wurde durch SCi-Leute ersetzt, lediglich der Kreativchef a.D. Ian Livingstone wird in anderer Funktion bei Eidos bleiben. Weitere Führungskräfte sollen entlassen werden.

Ansonsten wird der neue Eigner daran interessiert sein, weiter zu investieren, um irgendwann die Ausgaben wieder hereinzukriegen. So bin ich als Fan von Hitman 2: Silent Assassin vorerst auf den vierten Teil, Blood Money, gespannt, der aus bilanztechnischen Gründen ein halbes Jahr nach hinten ins Frühjahr 2006 verlegt wurde.

Ach, und das siebte Tomb Raider kommt natürlich auch. Oder ist es Nummer acht? Man weiß es nicht genau. Hoffen wir jedenfalls, dass Eidos Bewährtes beibehält und neue Ideen hinzufügt, statt wie so oft eines von beidem zu vergessen.

Mittwoch, 18. Mai 2005
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