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Schulnote 3

Besieger hätte großes Potential gehabt. Die 3D-Landschaft ist hübsch … weiter

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Die böse Schwester des freundlichen cimmerianischen Herrschers Konin zettelt, von einem Anfall von Machthunger besessen, einen Krieg an. Karon heißt sie, und sie möchte unbedingt als Tyrann sowohl über ihr und das Volk ihres Bruders herrschen. Dass das nicht angehen kann, dürfte klar sein, und so macht sich der Wikingerheld Barmalay auf, um gegen Karons Schergen, neutrale Oger und anderes Getier zu kämpfen.

Knuddelige Grafik, verkorkste Steuerung

An der Grafik kann man wirklich nicht viel meckern. Sie ist in 3D, hat hübsche Texturen, die Menschen sehen relativ gut gebaut aus (nicht nur technisch) und im Wasser spiegelt sich je nach Tageszeit die Sonne beziehungsweise der Mond. Am Nachthimmel sieht man neben dem Erdtrabanten auch ein paar Planeten, tagsüber refkletiert die Sonne in der Kamera.
Achja, die Kamera. Jetzt kommt der unangenehme Teil. Die 3D-Welt ist zwar frei zoom- und rotierbar – aber etliche Schnitzer in der Kameraführung machen jede Schlacht eher zu einem Kampf mit der Kamera als mit den gegnerischen Einheiten. Befindet sich die Kamera in einem Tal und wird ein paar Meter weiter bewegt, schnellt die Kamera urplötzlich meilenweit in den Himmel. Erst ein umständlicher Blick nach unten lässt die Ursache für diesen plötzlichen Sprung erkennen: Ein Berg. Natürlich. Was macht ein Berg, dessen Hänge fast senkrecht sind, mitten in einem Wald?
Die Steuerung jedes 3D-Leveleditors ist besser als die von Besieger. Da hilft auch kein Hinweis aus dem Tutorial (dessen Aufgabenbeschreibungen übrigens so ungenau sind, dass man sich fast ständig fragt: „Und jetzt?“), der einem weismachen will, dass die Steuerung sehr nützlich wäre.

Klebrige Mauern, herumirrende Infanterie und Oger im Ringelpiez

Was braucht man, um dicke Mauern einzureißen? Richtig, schweres Gerät, das die Befestigungen dem Erdboden gleichmacht und den Weg für die nachströmende Infanterie freiboxt. Dumm nur, wenn sich die Rammböcke an den gegnerischen Mauern verheddern statt sie einzureißen (vorrausgesetzt natürlich, sie kommen dank der glorreichen Wegfindungsroutine überhaupt an) und die Infanterie, anstatt nachzuströmen, lieber einmal um die gegnerische Festung herumgeht anstatt das eben mühsam entstandene Loch in der Verteidigung zu nutzen. So sieht es in Besieger nämlich hauptsächlich aus.
Eine besonders nette Anekdote: In einer Mission der Kampagne kooperiert man mit (normalerweise feindlichen) Ogern. Nachdem ich das Ausladen der Oger-Streitkräfte aus den Luftschiffen geistig mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatte, sammelte ich alle Einheiten, ob Oger oder nicht, auf einem Platz. Die eigenen Einheiten gingen brav hin und blieben stehen. Die langsameren Oger hingegen liefen hintereinander auf den Sammelplatz zu, drehten sich kurz vor dem Ziel um 90° und liefen, immer hübsch im Gänsemarsch, um die anderen Einheiten, die bereits dort waren, im Kreis herum. Nach fünf Minuten des fassungs- und sprachlosen Zusehens gingen die Oger auf einmal ein paar Meter weiter nach links, um dort endlich stehen zu bleiben. Von „künstlicher Intelligenz“ kann hier nicht die Rede sein.

Die Kampagne: Ein Lichtblick!

Die auf der zugegebenermaßen sehr plumpen Story aufbauende Kampagne ist, wie zu Alibizwecken gegenüber der Steuerung und der KI, abwechselungsreich und motivierend. Der Held, ein Wikinger namens Barmalay, wächst einem schnell ans Herz, während er mit seiner (je nach Fortschritt) kleinen oder großen Streitkraft durch die weite Welt zieht und zuerst Ogern und Riesenspinnen den Hintern versohlt, um später Festungen der bösen Karon zu belagern und anschließend dem Erdboden gleichzumachen. Dabei trifft er auf mehrere andere Helden, die er meist aus irgendwelchen verzwickten Situationen befreit.
Wo wir gerade bei Helden und Einheiten sind: Jeder Held, und auch die normalen Kampfeinheiten, können in einem Erfahrungssystem, das dem von WarCraft 3 nicht ganz unähnlich ist, um bis zu vier Stufen aufsteigen, wobei sie mit jedem Levelaufstieg stärker werden.
Einen Kritikpunkt zu der Kampagne gibt es aber dennoch: Dadurch, dass alle Missionen stark gescriptet sind, gibt es nur sehr wenig Handlungsfreiheit für den Spieler – und nicht selten werden auch Scriptereignisse gar nicht ausgelöst. Odin alleine weiss, warum…

Wie bei Hempels unterm Sofa

… sehen die Dörfer meistens aus. Und das liegt nicht nur daran, dass jedes Gebäude frei platzier- und rotierbar ist. Mauern zu platzieren erfordert dreierlei Dinge: Ressourcen (von denen es übrigens drei gibt: Holz, Steine und Eisen), Glück (von dem man bei Besieger eine Menge braucht) und Geduld (welche rein theoretisch als vierte Ressource hätte eingeführt werden müssen, da in Unmengen benötigt). Erfüllt man die erste Bedingung, die Ressourcen, nicht, müssen diese natürlich schnellstmöglich besorgt werden. Arbeiter hacken Holz und Steine oder schürfen in den Eisenminen nach Eisen.
Erfüllt man die zweite Bedingung, das Glück, nicht, kann es durchaus mal sein, dass die Mauern falschherum gebaut werden. Anders als bei z. B. Age of Empires oder Empire Earth hat dies schwerwiegende Folgen, da die Mauern von der Innenseite her gestützt werden müssen. sind diese Mauern also falsch herum platziert, ist es den angreifenden gegnerischen Einheiten ein leichtes, die Mauern zu zerstören und die auf den Türmen platzierten Einheiten hinterrücks zu meucheln.
Wer keine Geduld hat, sollte sowieso von dem Spiel ablassen. Ansonsten gilt das Gleiche wie bei dem Glück.

Um ein Gebäude, sei es eine Mauer, eine Luftschiffwerft oder ein ganz normales Wohnhaus zu bauen, braucht man natürlich Arbeiter. Diese sind allerdings nicht nur Arbeiter, sondern Multifunktionseinheiten. Sie werden in den Wohnhäusern „produziert“. Von da an können sie entweder Rohstoffe abbauen oder Gebäude errichten, oder zu Militäreinheiten geupgradet werden. Dies geschieht, indem man sie durch eine Kaserne hindurchschickt, wo sie mit Waffen ausgerüstet werden und fortan kampfbereit sind. Natürlich kann man die Verwandlung auch rückgängig machen, sodass man aus Speerkämpfern oder Bogenschützen wieder Arbeiter machen kann. Durch dieses System verhindert Primal Software erfolgreich ein rasches Aufbauen einer Armee und nimmt dem ganzen Spiel damit eine Menge an Spannung und Tempo. Schade eigentlich.

Wer die Kampagne übrigens nicht mag oder sie schon durchgespielt hat (was nebenbei gesagt gehörig lange dauert), hat immer noch die Möglichkeit, im Gefechtsmodus gegen den Computer oder im Multiplayer gegen menschliche Mitspieler in den Krieg zu ziehen. Die Langzeitmotivation bleibt dabei aber auf der Strecke.

Der Feind naht! Der Feind, der Feind! Der Feind ist da! Der Feind!

Nicht nur in der Kampagne muss man sich fast permanent nervende Soundmessages anhören, in denen irgendein Held oder eine Einheit vor dem Feind warnt, obwohl dieser entweder noch meilenweit entfernt ist oder schon seit einer halben Stunde vor der Stadt sein Lager aufgeschlagen hat. Immer die gleichen Meldungen werden mit oft weniger als einer Minute Abstand abgespielt – extrem nervend.
Die Hintergrundmusik dagegen ist stimmungsvoll und passt ins Wikinger-Feeling hervorragend hinein.

Georg Holzapfel (memdee at playable.de)
Mittwoch, 4. August 2004
„So einfach wie möglich, aber nicht einfacher!“ (Albert Einstein)

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